Kapitel 6: Armee, Chaos und der große
Sprung in die Freiheit
6.1 Abschied mit doppeltem Rasierer
Der Tag des Abmarsches war der 25. Mai 1991. In
aller Herrgottsfrühe musste ich in die Stadt, zur
zuständigen Armeezentrale. Der große Tag war
gekommen. Der Tag, an dem ich offiziell ein Soldat
werden sollte – oder zumindest so tun musste.
Am Abend davor gab’s natürlich noch die
obligatorische Abschiedsfeier im Garten. Ein
großes Zelt wurde aufgestellt, die halbe
Verwandtschaft eingeladen, dazu Freunde,
Nachbarn und ein paar Leute, die ich noch nie
zuvor gesehen hatte. Aber so war das eben. Wer zur
Armee musste, wurde verabschiedet, als ob man nie
wiederkäme – und manchmal klang das gar nicht so
unwahrscheinlich.
Zwei Jahre würde ich weg sein. Zwei Jahre!
Eine Ewigkeit, wenn man erst 18 ist und geradeentdeckt, dass das Leben mehr ist als Schulhefte
und schüchternes Händchenhalten. Besonders hart
war’s für jene mit Freundin. Nur Briefe waren
erlaubt. Liebe auf Papier, mit Briefmarken und viel
Pathos. Man schwor sich ewige Treue mit Pickeln
im Gesicht und einem gebrochenen Herzen in der
Brust.
Ich hingegen war frei. Frei wie ein Adler, der
sich in die Lüfte schwingt – oder wie ein
Wellensittich, der aus Trotz nicht mehr in den
Käfig zurück wollte. Alle Liebschaften hatte ich im
Vorfeld beendet. Ich hatte sowieso andere Pläne.
Welche genau, wusste ich selbst nicht. Aber
Hauptsache: keine Tränen.
Nach einer fröhlichen Nacht mit viel Essen und
noch mehr Wodka verabschiedete man mich am
frühen Morgen an der Bushaltestelle. Ich hatte noch
zu Hause aus einer Tradition heraus auf eine
Flasche Wodka das Abschiedsdatum geschrieben.
Diese Flasche sollte erst nach zwei Jahren bei
meiner Rückkehr aus der Armee aufgemacht und
getrunken werden. Es flossen Tränen. Es wurdenRucksäcke bepackt – mit Koteletts, Brot, Gurken
und einem nagelneuen Elektro-Bartrasierer. Man
wusste ja nie, wann der erste Bart sprießen würde.
Ich war zwar noch glatt wie ein frisch gebügeltes
Hemd, aber sicher war sicher.
Nach 25 Kilometern kam ich in der Stadt an
und steuerte direkt zur Adresse der Militärmeldung.
Und wer stand da am Eingang? Mein Vater. Der
große Abwesende. Der Mann, der uns vor vielen
Jahren verlassen hatte – wegen einer Lehrerin. Ich
war damals acht. Er war kein guter Ehemann
gewesen. Kein besonders zärtlicher Vater. Meine
Schwester hatte seine Hand nie gespürt. Ich dafür
umso öfter. Und trotzdem – oder vielleicht gerade
deshalb – war er da. Um sich zu verabschieden.
Es war ein kurzes, stockendes Gespräch. Er
drückte mir einen zweiten Elektro-Bartrasierer in
die Hand – exakt das gleiche Modell, das schon in
meinem Rucksack lag.
Ich bedankte mich. Zwei Rasierer. Null Bart.
Das Leben ist voller Ironie. Dann ging ich in das
Gebäude hinein. Im Vorraum saßen schon andereJungs. Alle mit gesenktem Blick und dem Geruch
von Wodka in der Luft. Einer war so betrunken,
dass er direkt wieder heimgeschickt wurde – mit
dem freundlichen Hinweis, er möge bitte erst
nüchtern erscheinen, bevor er den Sozialismus
verteidigt.