
Leseprobe
1.5 Held der Lusa
Ich war erst ein Vorschulkind, aber innerlich schon ein erfahrener Flussüberquerer, Maschinenbediener und natürlich Retter in der Not. Kurz: ein Kind mit Allmachtsfantasie und sehr, sehr kurzen Armen.
Unser Dorf lag neben einer kleinen Stadt – allerdings getrennt durch die Lusa, einen braunen, trägen, verdächtig stillen Fluss. Der Name klang weich, fast freundlich. Doch wer ihn unterschätzte, den erinnerte er gerne daran, dass er Boote kippen lassen und Menschen verschlucken konnte.
Um den Fluss zu überqueren, benutzte man eine handbetriebene Seilfähre. Es gab keinen Fährmann. Keine Uniform, kein Ticket, keine Hilfe. Nur das dicke Stahlseil, die eigene Oberarmkraft und Gottvertrauen. Es galt das Prinzip: Wer zuerst zieht, fährt zuerst. Wer schwach ist, bleibt stehen. Sowjetisches Fairplay eben.
An jenem Tag hatte meine große Schwester – drei Jahre älter, neunmal klüger, hundertmal realistischer – ihren Klavierunterricht in der Stadt. Ich durfte mitkommen, vermutlich weil ich zu Hause schon wieder die Katze gebadet hatte.
Wir waren auf dem Rückweg – einige Kilometer Fußmarsch durch Sand und Staub, ich erzählte meiner Schwester von meinen großen Plänen als Feuerwehrmann, Kapitän oder Erfinder, alles war möglich. Noch. Und dann standen wir da. An der Fähre. Keine Erwachsenen weit und breit. Die Fähre lag verlockend da auf unserer Seite, als würde sie sagen: „Na, Kleiner? Zeig, was du kannst.“
Und ich? Ich war bereit. Ich sagte: „Ich mach das. Ich bin stark.“
Meine Schwester sah mich an. Ihr Blick sagte: „Das endet wieder mit nassen Hosen.“ Aber sie stimmte zu. Vielleicht wollte sie sehen, ob ich diesmal tatsächlich nicht untergehe. Oder sie hatte einfach Hunger.
Ich legte los. Hände an die Kurbel: drehen, drehen, drehen. Die Fähre bewegte sich! Zentimeter für Zentimeter glitten wir über die Lusa. Ich war der Größte. Ich war der Kapitän. Ich war ... am Ende. Genau in der Mitte des Flusses verabschiedeten sich meine Arme in den Ruhestand. Ohne Vorwarnung. Stille.
Wasser links, Wasser rechts. Schwester hinter mir, sichtlich unbeeindruckt. Sie setzte sich auf den Holzboden, als würde sie auf den Bus warten. Ich schwitzte. Überlegte. Betete ein bisschen. Schwieg dann auch.
Nach einer gefühlten Ewigkeit – oder sagen wir nach fünf Minuten – tauchte ein Mann im Ruderboot auf. Ruhig, lächelnd, mit diesem Blick, den Erwachsene haben, wenn sie wissen: Wieder so ein Kind mit zu viel Mut und zu wenig Muskeln.
Er fragte, ob alles gut sei, und brachte uns ans Ufer. Meine Schwester bedankte sich höflich. Ich schwieg weiter – aus Anstand, aus Scham oder einfach, weil ich meine Hände nicht mehr spürte. So war ich eben. Kleiner Körper, großer Plan. Immer auf der Suche nach Abenteuern, die eigentlich niemand braucht – aber irgendwie doch keiner vergisst.
Das war meine Kindheit im Norden: oft sehr kalt, manchmal auch heiß. Meistens aufregend und ein bisschen schräg. Aber ich hätte sie nicht tauschen wollen. Zumindest nicht in dem Moment.